Autor: Konstanze

Schon mal vom Samengenuss- und Oralverzehr-Smoothie gehört? Woohoo, darauf stürzten sich die Marketing-Medien und führten auch gleich ein Interview mit dem Marketing-Verantwortlichen, der sowieso in keine Schublade passt (und nach meinem Ermessen wirklich ein guter Typ zu sein scheint). Das Ziel, Aufmerksamkeit zu bekommen, wurde erreicht. Und irgendwie zu recht. Denn selbst wer nicht auf schmutzige Witze steht, wird zumindest aufmerksam und guckt – wenn auch kopfschüttelnd – zwei Mal hin. Was bei Smoothies funktioniert, lässt sich aber nicht auf jedes Produkt und jede Zielgruppe anwenden. Auch, wenn wir gerade im Marketing gerne mal die Trend-Sau durchs Dorf treiben, bis sie erschöpft, aber unbeachtet zusammenbricht. 

Auch wir haben oft von „sexy Produkten“ gehört, die „anmachen“ und deswegen auch so verkauft werden sollten. Tja. Was tun, wenn die Lösung oder das Produkt eben gar nicht sexy ist? Und dies auch gar nicht sein soll, da eigentlich viel eher Bedürfnisse wie Komfort angesprochen werden sollen? Beziehungsweise: Was ist denn die Definition von sexy? Der Duden sagt: „sexuell attraktiv oder zu einer entsprechenden Wirkung verhelfend“. Ich hoffe nicht, dass sich beispielsweise Windows 10 oder eine Analyse-Software derart auf die breite Öffentlichkeit auswirken.

Und das ist auch schon der springende Punkt: Selbst dann, wenn wir „sexy“ etwas weiter fassen, ist doch die Frage, wer der Empfänger meiner Botschaft ist. Der Smoothie-Trinker ist vermutlich ein anderer als der, der nach einer, wenn auch sehr guten und leistungsstarken, Collaboration-Lösung (Sexy-Sprech: „Alledreizusammen!“) für sein Unternehmen sucht oder mit Hilfe eines CRM-Systems seine Kunden besser verstehen und betreuen (Sexy-Sprech: „Alles bis auf Körperkontakt!“) möchte. Noch dazu hat sexy irgendwann auch ausgedient: Schon mal aufgefallen, dass selbst auf Messen die Nummerngirls nicht mehr so präsent sind wie noch vor fünf Jahren?

Apropos Messen: Auf der IFA wird wieder unglaublich viel Sexiness durch die Hallen wabern – genug Platz ist ja. Gerade Endverbraucher-Technik schreit offenbar danach, über die Ansprache niederer Instinkte verkauft zu werden. Da werden Aufkleber für das Smartphone-Case einfach mal mit „Naked“-Irgendwas benannt, weil: Nackt geht immer! Da werden Helferleins geschaffen, mit denen man bei der Handy-Bedienung die Hände frei hat – für was genau, sei der Fantasie überlassen. Manchmal wirkt das so konstruiert, dass einem die Haare zu Berge stehen. Nur der Café Latte, der kann nun mal nichts für seinen Namen!

Authentizität sticht sexy!

Das Smoothie-Beispiel ist aus meiner Sicht nicht ein Beispiel dafür, wie sexy man unbedingt sein und wie dringend man auffallen muss, sondern wie authentisch man in der Öffentlichkeit mit seiner Marke und seinen Produkten auftritt. Wer seine Drinks mit „Einhornkotze“, „Skinny Bitch“ oder „Pipi in die Hose“ untertitelt, kann sich auch „Oralverzehr“ erlauben. Auch, wenn die Stadt München das offensichtlich anders sieht und die entsprechenden Werbeplakate verbietet (Ach München, hab’ Dich doch nicht so!).

Wer Witz und Charme und das passende Produkt hat, soll also bitte auch in PR und Marketing witzig und charmant sein. Aber eben auch nur der und dann auch nur im richtigen Moment. Denn es ist ein schmaler Grat zwischen peinlich und humorvoll. Wenn der hochseriöse Sales-Mann plötzlich auf Gassenhauer und seine mindestens ebenso seriöse IT-Security-Software mit wissendem Grinsen zum „Darkroom für Cyberbots“ macht, versinkt jeder Kunde eher im Erdboden als im Kaufrausch.

Ergo: Erst das Produkt und seine Zielgruppe angucken, bevor man sich zu weit aus dem Fenster lehnt!